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Mal wieder bin ich der Letzte im Büro. Alle anderen haben schon ihren Kram zusammengepackt und sind ab zu ihren Familien. Bloß ich hock hier rum, in diesem riesigen Büroraum. Nur meine Schreibtischlampe leuchtet und verstärkt mein Gefühl, in einer Kugel festzustecken, die im Nichts schwebt. 

Ich strecke meine Beine, verlagerte mein Gewicht auf dem Drehstuhl. Doch egal, was ich mache, mein Hintern ist plattgesessen, und mir schlafen abwechselnd die Füße ein. Ich versuche, mich auf meinen Papierkram zu konzentrieren, dessen Stapel einfach nicht kleiner werden will. Doch die Zahlen und Buchstaben verwischen vor meinen Augen, als würde die Tinte verlaufen. Stöhnend nehme ich meine Brille ab und reibe mir die Augen.

Ich muss an meine Chefin denken, die wahrscheinlich gerade in einem piepfeinen Restaurant sitzt und irgendeine französische Delikatesse isst, deren Name ich nicht einmal aussprechen kann. Überhaupt ist sie Schickimicki. Ständig schleppt sie irgendwelche Antiquitäten an. Als wollte sie uns unter die Nase reiben, wie sehr sie uns ausbeutet. Die Teile prangen auf den Regalen und Aktenschränken, alle im akkuraten Abstand voneinander aufgestellt.

Mein Blick schweift über das alte Telefon, die Standuhr, die Porzellanvase …

Plötzlich ertönt ein scharfer Ton und hallt durch den leeren Büroraum. Vor Schreck fahre ich zusammen. Rasch setzte ich mir die Brille wieder auf und blinzle ins Zwielicht, in dem ich nur die Schemen der Tische und Stühle erkenne. Was war das denn jetzt? Oh, ich hoffe, dass nicht eins der Antiquitäten einen Sprung oder so bekommen hat, später bin ich dann wieder schuld!

Abermals erklingt es, jetzt drei Mal hintereinander. Es ist eindeutig metallisch und mit Kraft gesetzt. Die Stirn gerunzelt, kneif ich die Augen zusammen. Das schlimmste: Es kommt mir so verdammt bekannt vor! Ich bin mir sicher, ich kenne das Geräusch. Wenn ich es nur etwas länger hören würde …

Der Ton schallt wieder durch den Raum. Doch dieses Mal bricht es nicht ab und ich erkenne es augenblicklich: Es ist das Tippen auf einer Schreibmaschine. Auf einer sehr alten Schreibmaschine, dessen Tasten schon lange nicht mehr heruntergedrückt wurden. In diesem Augenblick erinnere ich mich auch, dass es das neuste Stück in der Sammlung der Chefin ist. Sie war besonders stolz darauf, weil das verrostete Ding „Geschichte“ hat, wie sie es sagte.

Das Tippen wird schneller, wirkt fast wütend. Was soll denn der Scheiß jetzt? Offenbar macht doch noch jemand abgesehen von mir Überstunden und jetzt regt er sich an den Antiquitäten der Chefin ab. Ich kann es einerseits nachvollziehen, aber wie soll ich bei dem Lärm verdammt noch mal arbeiten?

Ich stemmte meine Hände gegen die Schreibtischkante und schieb meinen Drehstuhl weg. Mein Kreuz kracht, als ich aufstehe. Wer immer dort auf der Schreibmaschine trommelt, er hat noch nicht einmal das Licht angemacht. Ich öffne den Mund, um ihm zur Sau zu machen, als das bleiche Licht meines Computerbildschirms auf die Schreibmaschine trifft.

Dort steht niemand vor der Antiquität. Dennoch werden die Tasten herabgedrückt. Ich sehe mich um, frage mich, ob das ein schlechter Scherz sein soll. Doch alle sind so humorlos in diesem Laden, dass ich mir das nicht vorstellen kann.

Langsam trete ich näher. Als würde die Schreibmaschine auf den beschleunigten Takt meines Herzens eingehen, senken sich die Tasten schneller. Es muss bestimmt irgendein automatischer Mechanismus dahinter stecken. Das war es wahrscheinlich, was die Chefin mit „Geschichte“ gemeint hatte.

Ich versuche, zu erkennen, was die Maschine dort tippt und folge den Buchstaben. Doch mein Gehirn ist durch die Überstunden zu mürbe, um mitzukommen. Wahrscheinlich tippt das Ding immer wieder denselben Satz. Mit Sicherheit der Slogan der Firma, ein genialer Werbestreich.

Ich will mich schon wieder abwenden, als ich bemerke, dass die einschlagenden Hebel mit den Buchstaben mit feucht glänzender Tinte bedeckt sind. Das weckt meine Neugierde. Ich hole ein Blatt Papier aus dem Drucker nebenan. Mal sehen, was denn die Schreibmaschine so fleißig tippt.

Ich mache mir schon Gedanken, wie ich das Papier einlegen soll, als die Schreibmaschine plötzlich aufhört. Ein Schauer jagt unwillkürlich meine Wirbelsäule hinab. Es fühlt sich fast so an, als hätte sie für mich innegehalten.

»Blödsinn«, raune ich mir zu, und stecke das Papier hinein. Mit gestreckten Händen trete ich einen Schritt zurück, als fürchte ich, dass meine Nähe die Antiquität verschrecken könnte.

Nichts geschieht. Ich befürchte schon, dass der Spaß vorbei ist. Da drückt sich die erste Taste hinab, der Hebel hebt sich und presst sich auf das Papier. Kein Buchstabe. Eine Zahl. 1.

Ich hebe eine Augenbraue. Es folgt die zweite Zahl. 9. Dann ein Punkt. Ich überkreuze die Arme. Wenn das so langsam weitergeht, dann kann ich hier noch lange warten. Wieder erscheint eine 0. Meine gehobene Augenbraue senkt sich. Eine Ahnung beschleicht mich. Eine 8 folgt. Die Arme noch überkreuzt bohre ich die Finger in meine Haut. Es kann doch nicht sein … 2. Ist es wirklich möglich? 0. Aber wie soll das gehen? 1. Heilige Scheiße, es ist wahr. 7. Ich reiße die Augen weit auf. 19.08.2017. Das Teil hat wirklich gerade das Datum eingegeben.

Es muss irgendeine moderne Technik dahinterstecken, nur die Hülle ist antiquarisch. Es geht gar nicht anders.

Ich zucke am ganzen Körper zusammen, als die Schreibmaschine wieder im schnellen Tempo das Tippen loslegt. Dieses Mal sind es keine Zahlen. Buchstabe an Buchstabe reiht sich aneinander und offenbart das Unmögliche. Denn dort werden meine Gedanken niedergeschrieben.

 

„Mal wieder bin ich der Letzte im Büro. Alle anderen haben schon ihren Kram zusammengepackt und sind ab zu ihren Familien. Bloß ich hock hier rum, in diesem riesigen Büroraum.“

 

Ich schüttle den Kopf, kann es nicht glauben, weigere mich, es zu glauben. Doch das Grauen steigt in mir hoch und schnürt mir die Kehle zu. Bei der nächsten Zeile erkenne ich, dass der Text im allwissenden Erzähler geschrieben ist.

 

„Er wusste noch nicht, welchen Ausgang sein langweiliger Büroabend haben würde. Dass dies seine letzten Überstunden sein würden. Doch schon bald würde ihn eine dunkle Ahnung beschleichen, die wie Teer in seine Seele sickerte.“ 

 

 

 

 

Was rieche ich denn da?

Langsam trete ich näher an den Steinofen, spüre mit jedem Schritt, wie die Hitze ansteigt. Sie strahlt wie eine Aura aus, die mit unsichtbaren Händen mich davor warnt, näher zu treten. Die Eisentür ist fest verschlossen, ich kann nur ahnen, was sich dahinter verbirgt. Etwas urtümlich Faszinierendes weckt der Ofen in mir.

Ach, ich liebe einfach diesen Ofen. Wenn er nicht so glühend heiß wäre, hätte ich meine Hand über die Kuppel gleiten lassen. Zugegeben, am Anfang war ich sehr skeptisch. Wie viele Stunden es dauert, ihn heiß zu bekommen, wie groß die Gefahr, sich zu verbrennen, dazu die ganze Asche und der Ruß, wie lange dauert es wohl, so ein Koloss sauber zu bekommen? Aber mein Mann hat darauf bestanden. Ich hatte angenommen, wir benutzen ihn ein, zwei Mal, dann haben wir die Schnauze voll. Doch jeden Sonntag glüht unsere steinerne Schatztruhe und zaubert uns eine neue Köstlichkeit.

Ich höre die Kinder drinnen Quicken vor Vergnügen. Sie sind so in ihrem Spiel versunken, dass sie mein Kommen gar nicht bemerkt haben. Was für einen großartigen Mann ich doch habe. Er kocht und spielt mit den Kindern. Ich lasse mit meinen Fingerspitzen das Windspiel aus Muschelschalen klingeln und schwelge im Glück.

Der Geruch aus dem Steinofen lässt mich den Kopf wieder zurück drehen. Das riecht eindeutig nicht nach Pizza. Es fehlt der Duft von frisch gebackenem Brot. Außerdem sind die Pizzas nach wenigen Minuten fertig und müssten schon längst raus aus der Hitze. Nein, es muss irgendein Schmorgericht sein. Obwohl ich mehrfach die Luft schmecke, kann ich den Geruch nicht einordnen. Gleichzeitig kommt er mir vertraut vor. Jetzt bin ich wirklich neugierig. Ich muss einfach fragen.

»Kinder?«, rufe ich langegezogen hinein, ohne vom Ofen aufzublicken. »Was backt denn da Leckeres im Ofen?« Erst jetzt fällt mir auf, dass ich so nicht einmal begrüßt habe.

»Wissen wir nicht!«, schallt es im Chor zurück.

Ich verdrehe die Augen. Diese Geheimniskrämerei ist momentan ganz aktuell bei ihnen. Wieder sauge ich die Luft ein, aus seltsamen Grund irgendwie beunruhigt. Ist das irgendeine neue Tofusorte? Oder wieder mal etwas aus Kircherbsenmehl? Mein Mann ist Vegetarier, isst noch nicht einmal Fisch. Es kann also kein Fleisch sein. Aber es riecht nach Fleisch …

Hans verbietet mir immer, mich in seine Kochangelegenheiten einzumischen. Aber das hier riecht eindeutig verbrannt. Fast schon verkohlt. Er sollte lieber einmal nachsehen.

Erst jetzt fällt mir auf, dass ich noch nichts von ihm gehört habe. Ist er auf der Toilette oder am Telefon?

»Kinder? Wo ist Papa?«

»Nicht hier!«

Wieder verdrehe ich die Augen. Die Antworten meiner Kinder sind mal wieder sehr hilfreich.

»Ist er im Hinterhof?« Wahrscheinlich bringt er den Müll raus, nachdem er in der Küche mal wieder das Chaos hat ausbrechen lassen.

»Er ist noch gar nicht nach Hause gekommen«, antwortet mir meine Älteste.

Ich erstarre mit jedem Muskel. Auf einem Mal ist mein Blut so kalt wie Eiswasser.

Langsam drehe ich den Kopf, spüre die ausstrahlende Hitze auf meiner Haut und meinen geweiteten Augen. Wenn mein Mann noch gar nicht nach Hause gekommen ist … wer hat dann den Ofen angefacht? Und was für ein Fleisch verkohlt darin?

 

 Wie oft muss ich noch diese Treppe hoch und runter gehen? Mal muss ich neue Milch fürs Fläschchen holen, dann Batterien für irgendwelches Spielzeug, dann muss es unbedingt dieses eine Kuscheltier sein. Ich muss strenger werden. Eindeutig.

Ich sehe auf meine nackten Füße, die ich endlich auf der Couch ausstrecken will. Obwohl ich kein Fan davon bin, Dutzende Male die Treppe auf und ab zu steigen, so bin ich doch froh, dass wir sie haben. Jede Stufe lässt sich einzeln hochklappen und ist für sich eine Kiste. Sonst hätte ich keine Ahnung, wo ich das ganze Spielzeug unterbringen soll.

»Mama?«, schallt es aus dem Kinderzimmer.

»Ja-ha! Ich komm ja schon.« Unwillkürlich quetsche ich den Plüschschneemann fester in meiner Hand.

Auf der letzten Stufe erstarre ich in der Bewegung. Ein Klopfen dringt durch die Stufe an meine nackte Fußsohle. Ein Klopfen sanft und dennoch eindringlich. Wie von einer Kinderfaust.

Ich spüre, wie alles Blut aus meinem Gesicht weicht, während ich zur halboffenen Kinderzimmertür aufblicke. Unter mir dringt eine heisere Stimme aus der Treppenstufe:

„Hol mich raus, Mama.“

Ich weiß nicht, wie es dazu kommen konnte.

Wieso sitze ich hier im Dunkeln im Schrank? Und warum wage ich mich nicht mehr hinaus?

Es war alles wie immer gewesen. Ich habe mich abgeschminkt, habe meine Armbanduhr auf den Nachttisch gelegt, mich mit meinem Buch in mein Bett gekuschelt. Dann haben die Geräusche angefangen.

Knarzen von Holz. Ein hell schabender Ton wie von schneidendem Glas. Ich konnte nicht einordnen, von wo die Geräusche kommen. Aber ich war mir sicher, dass irgendjemand bei mir einbricht. Jemand mit schlechten Absichten. In meiner Panik bin ich aus dem Bett gesprungen und habe mich in meinem großen, uralten Kleiderschrank versteckt. Etwas Besseres ist mir auf die Schnelle nicht eingefallen.

Aber jetzt höre ich nichts mehr. Ich weiß nicht, ob mich das beruhigen oder beängstigen soll. Ich weiß nur, dass mein Herz wie verrückt pumpt. Mein Nachthemd ist von eisigem Angstschweiß durchtränkt und klebt an meinem Rücken. Warum nur habe ich so eine Angst? Was fühlt mein Instinkt, das ich nicht sehen und nicht hören kann?

Mein Atem wird immer schneller. Ich gerate in Panik wird mir klar. Es fehlt nicht viel und ich hyperventiliere. Wenn erst einmal meine Lunge verkrampft, werde ich gar keine Luft mehr bekommen, bis ich in Ohnmacht falle. Soweit will ich es nicht kommen lassen. Schon einmal habe ich erfahren, wie furchtbar es sein kann. Ich zähle rückwaerts bis zehn, dann halte ich die Luft an und presse meine Hand auf Nase und Mund.

Als mein Atem abbricht, höre ich es. Das, was mich die ganze Zeit über in solch ein Grauen versetzt hat: Einen anderen Atem. Ganz tief und gleichmäßig. Und mir unmittelbar gegenüber.

Mit weit aufgerissenen Augen starre ich in die Dunkelheit. Die Hand nach wie vor auf Mund und Nase gepresst, schüttele ich den Kopf. Das kann nicht sein. Es darf nicht wahr sein. Es ist sicher nur Einbildung. Es muss Einbildung sein.

Ich raffe meinen ganzen Mut zusammen und strecke meine zitternde Hand in das Schwarz aus. Dann fühle ich, was ich höre. Ein fremder Atem, der gegen meine Finger schlägt. Gefolgt von einem hauchzarten Kuss auf meine Fingerkuppen.

Der Schrank war kein gutes Versteck.

Was macht sie denn jetzt schon wieder?

Ich sehe meine Freundin Tessi durch die Menge der Tanzenden torkeln. Ich schreie ihr hinterher, doch mein Ruf wird vom tiefen Bass der House Musik zerfetzt. Wann wird sie lernen, dass sie flache Schuhe anziehen muss, wenn sie sich so besaufen will?

Zwischen den rotierenden Lichtstrahlen erkenne ich, dass sie auf die Toilette zusteuert. Scheinbar hat sie einen kleinen Teil ihres Verstands noch nicht in Vodka Bull ertränkt.

Ich revidiere meine Meinung, als ich mit ansehen muss, wie sie in die Herrentoiletten stolpert.

Die Lippen zusammengekniffen überlege ich, ob ich ihr hinterherlaufen soll. Doch dann drehe ich ihr kopfschüttelnd den Rücken zu und überkreuze meine Arme. Ich habe ihr schon so oft aus der Patsche geholfen! Ich kann sie nicht ständig retten! Gerade heute steht mir überhaupt nicht der Sinn danach, wo sie mich links hat liegen lassen für diesen Typen mit der E-Zigarette. Immer noch habe ich den süßherben Geruch des Dampfes in meiner Nase.

Als eine Dampfwolke über meine Schulter gleitet und sich als Pilz vor mir ausrollt, wird mir klar, dass es nicht nur meine Erinnerung ist. Erschrocken fahre ich herum und stehe Auge im Auge mit dem dunkelhaarigen Mann, den Tessi die letzte Stunde angegraben hat. Irgendetwas hat dieser Kerl an sich mit seinen düsteren Augen, die von oben auf mich herabblicken. Etwas, das Tessi anziehend findet - und dass mich einen Schritt zurückweichen lässt.

Er beugte sich zu mir vor, sein Mund ist ganz dicht an meinem Ohr. »Deine Freundin ist in Schwierigkeiten.«

Ich rolle mit den Augen. Das weiß ich selbst nur zu gut! Tessi ist eine einzige Schwierigkeit.

»Sie ist draußen«, fügte er hinzu und lässt mich erstarren. »Im Hinterhof.«

Zum Teufel, was hat sie da denn verloren? Ich stürme an dem Mann vorbei und quetsche mich durch die Menge. Warum muss sie auch immer so einen Blödsinn verzapfen? Das war das letzte Mal, dass ich ihr aus der Patsche helfe! 

Endlich breche ich aus dem Pöbel nach draußen. Die Kälte der Nacht schlägt gegen meine verschwitzte Stirn. Ich laufe weiter um den Club, dessen Wände von den Bässen förmlich vibrieren, und haste um die Biegung. Mehrere Schreckenszenarien haben sich in meinem Kopf angestaut, angefangen von einer kotzenden Tessi bis hin zu einer Tessi, die einer Mädchen die Extensions ausreißt. Ist alles schon mal vorgekommen. Doch keines der Bilder bewahrheitet sich. Denn niemand ist hier. Keine Tessi. Nur ich.

In dem Moment, als ich beginne zu begreifen, was hier geschieht, fühle ich den Dampf der E-Zigarette dicht an meiner Wange meine Schläfe hochklettern. Zu spät wird mir klar, dass ich diejenige bin, die in Schwierigkeiten steckt.

 

Ich habe grässlich geschlafen heute Nacht. So wirre Träume, dass mir immer noch scheint, jemand hätte an meinen Gedanken wie an Strängen gezogen.

Kaltes Wasser. Das brauche ich jetzt. Eine Ladung kaltes Wasser in mein Gesicht. 

Ich öffne den Wasserhahn, fülle meine hohlen Handflächen und klatsche mir das kalte Nass auf Wangen und Augen. Während eisige Tropfen von meinem Gesicht herabperlen, blicke ich auf. Doch die Augen in meinem Spiegelbild, die Augen, in die ich starre, sind nicht die meinen.

Dieser Gestank. Dieser beißende Leichengestank. Wo kommt er nur her? 

Irgendwo muss eine Maus oder Ratte verendet sein. Es kann nicht anders sein. Aber wo? Zum Teufel wo?

Ich habe schon hinter den Schränken geschaut, in allen Schubladen, unter dem Bett, wo ich beinah an einer Staubmaus erstickt wäre. Nichts. Aber jedes Mal, wenn ich mich zurück ins Bett lege, ist der Mief so unerträglich, dass ich mich wieder auf die Suche mache. Es muss irgendwo hier in der Nähe sein. Wo ich schlafe. Ich durchwühle das ganze Nachtkästchen, reiß alles heraus. Doch nirgendwo ein totes Tier.

Jetzt ist es genug. Ich werde mich einfach hinlegen und die Augen zumachen. Wenn ich schlafe, merke ich nichts von dem Gestank. Im Tageslicht werde ich dann eher fündig werden.

Ich schlag die Decke über mich und lege zum ersten Mal meinen Kopf auf das Kissen. Wild entschlossen presse ich meine Augen zusammen. Kurz darauf öffne ich sie wieder. Der Gestank kommt aus meinem Kopfkissen. Jetzt rieche ich es ganz deutlich. Und nicht nur das ... irgendein harter Stumpf sticht mich.

Es ist zu groß für eine Maus oder Ratte. Viel zu groß.

 

Dieser Heuschnupfen macht mich wahnsinnig. Kaum habe ich die Augen zugemacht, die ohnehin den ganzen Tag jucken, läuft die Nase wieder.

Blind reiße ich die Schublade meines Nachtkästchens auf und wühle wild darin herum. Die Taschenlampe fällt mir dabei herunter, landet polternd auf den Fußboden und rollt unters Bett.

Was soll's, ich habe meine Taschentücher und es wird wohl kaum ausgerechnet heute Abend ein Stromausfall geben oder anderer Notfall sein, wofür ich das Ding brauche. Ich schnäuze mir die Nase und werfe das zerknüllte Papiertaschentuch auf den Boden.

Plötzlich leuchtet ein Lichtkegel unter meinem Bett auf und strahlt die Wand an. Mein Taschentuchknäuel wirft einen Schatten gegen die Wand.

Mein Herz schlägt von einem Moment auf den anderen drei Takte höher. Es ist Zufall, versuche ich mich zu beruhigen. Es muss Zufall sein. Die Taschenlampe muss sich – wenn auch sehr verspätet – so gerollt sein, dass sie sich eingeschaltet hat. Natürlich war das der Grund. Welcher sollte es sonst sein?

 

Plötzlich streckt sich ein Schatten in den Lichtkegel. Erst als sich weitere dazu tun, erkenne ich darin Finger. Eine Hand, die sich ausstreckt. 

Es ist schweinekalt. Die Eiszapfen hängen von den Laternen wie lange Zähne. Als verschwommene Kegel durchbricht ihr Licht die Finsternis. 

 

Dieser Weg scheint kein Ende zu nehmen. Abwechselnd werfe ich einen langen Schatten auf die Straße, dann verschwinde ich in Dunkelheit.

Ich schlinge meinen hochgeschlagenen Kragen noch enger um mein Gesicht.

 

Plötzlich dringt eine Kälte, eine unnatürliche Kälte unter den Stoff meiner Kleidung, unter meine Haut.

 

 

Ein Eiszapfen bricht herab und zerbricht klirrend vor meinen Füßen.

Im Lichtkegel der Laterne bleibe ich stehen. Doch mein Schatten neben mir läuft weiter.      

  Was habe ich getan?

 

Mir ist kotzübel.

Den ganzen Morgen laufe ich mit diesem quälenden Druck in meinem Magen herum. Als würde mich von innen irgendetwas stechen. Die ganze Zeit über habe ich es mit aller Macht unterdrückt.

Aber ich kann nicht mehr. Es muss raus. Jetzt raus, sonst drehe ich noch durch.

 So schnell ich es auf meinen Stöckelschuhen fertig bringe, stakse ich durch die Büroräume und verschwinde in der Damentoilette. Da überkommt es mich schon.

Ich schaff es noch, das Waschbecken zu umklammern, dann brennt sich meine Magensaure durch meine Speiseröhre. In Schwallen kommt es aus mir heraus, was ich nicht begreifen kann, da ich aufgrund der Übelkeit nichts gefrühstückt habe. Harte Stücke kratzten meinen Hals und schlagen gegen meine Zähne.

Als mein Magen sich endlich beruhigt, bin ich außer Atem. Ich öffne wieder die Augen. Trotz meiner Atemnot, vereist die Luft in meiner Kehle. Das ganze Waschbecken ist rot. Weißliche Splitter stechen daraus hervor. Es sind Knochen. Knochen in einem Teich aus schleimigen, dicken Blut.

Ich schlage die Hand auf meinem rot verschmierten Mund. Was ist das? Ich habe so etwas nicht gegessen! Niemals würde ich ... Wie sollte ich ...

Aber ich muss es getan haben. Sonst hätte ich es eben nicht erbrochen. Was geht hier vor sich?  

Meine Gedanken brechen ab, als etwas Metallisches durch das Rot hindurchschimmert. Ich reiß den Wasserhahn auf und hinterlasse rote Fingerabdrücke auf dem Edelstahl. Der Wasserstrahl wäscht die Knochen rein und ... einen Ring. Einen Damenring mit Gravur.

Mein Magen krampft sich zusammen, während mein Blick über die feinen Knochensplitter rast.

 

Ich ... ich habe eine Hand gegessen. Eine Frauenhand. 

"Papa ...", beginnt sein Sohn mit einem Zittern in der Stimme.

"Da ist ein Monster in meinem Schrank."

 

Seufzend geht der Vater zum Schrank und öffnet träge die Tür. Da sitzt ein Junge, aufs Haar genau wie sein Sohn, zusammengekauert zwischen den Kleidern und wispert mit angsterstickter Stimme: 

 
"Papa, da ist ein Monster in meinem Bett."

 

 

 

 

Keine zwitschernden Meisen sitzen an diesem Morgen bei meinem Vogelhäuschen. 


Zwei Raben streiten sich um den Platz.

Sie hacken wieder und wieder in das Loch.

Ihre Schnäbel kommen blutrot heraus. 


Was ist in meinem Vogelhäuschen verborgen?

 

Und wer hat es dort hineingesteckt?

 

 

 

(Vorgeschlagen von Thomas A. Baumgartner

(Instagram:_tomi_baumi_)

 

 

Ich drehe mich zum Spiegel und sehe mein Spiegelbild schreien,

obwohl mein Mund geschlossen ist.

 

 

 

 

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